Übers Bibellesen

Hat Gott uns die Natur geschenkt, um uns in ihr etwas von Sich selbst, von Seinem ewigen Charakter zu zeigen?
Manchmal kommt einem dieser Gedanke. Wenn wir das weite Meer vor uns überblicken und die Sonnenstrahlen golden auf unserer Haut tanzen, atmen wir mit der Strandluft etwas von Seiner Freundlichkeit ein; wenn ein Blitz den Nachthimmel durchzuckt und tiefes Donnergrollen ertönt, so erkennen wir den Ernst und die Souveränität eines Gottes, unter Dessen Licht alles offen liegt. Sein nahes Gericht über den Erdkreis als unausweichliche Realität erscheint uns in diesen Momenten womöglich greifbarer als sonst.
Gott offenbart mir immer wieder etwas von Sich durch Seine Schöpfung: Legt sich eine breite Schneedecke über die Landschaft, so muss ich an Seine Gnade denken, die meine Fehler zudeckt in Jesus. Der unglaubliche Detailreichtum in den Farbverläufen von Blütenblättern, der Verkleidung von Baumstämmen, ja, selbst die nicht zu ergründende Vielfalt in der Gestaltung verschiedener Insektenflügel – all dies erfüllt mein Herz mit Dankbarkeit über einen Herrn, Der so unendlich kreativ ist.

Es ist eine Tatsache, dass die Natur Zeugnis gibt über Den, Der sie gebildet hat. Und doch überkommt einen diese Ehrfurcht vor dem Gott der Schöpfung so spontan. Ich zumindest besteige nicht einen Berg und suche die Schönheit, die diese besondere Umgebung bietet, um darüber nachzudenken, was sie wohl über Gott aussagen könnte. Nichts gegen solche Momente bewusster Reflexion. Doch meist ist es so, dass ich eine solche Begegnung mit der Natur habe und die Schönheit, die ihr inneliegt, trifft mich ganz unerwartet. Sie trifft mich mitten ins Herz, überwältigt mich, versetzt mich ins Staunen. Und dann muss ich auch nicht mehr lange darüber nachdenken. Ich weiss: Das ist Gott. Was ich hier sehe, höre, rieche ist Sein Werk und widerspiegelt Ihn auf eine Art, so unglaublich raffiniert, wie nur Er sie sich ausgedacht haben kann. Er, der grosse Meister, hat Seinen Abdruck hinterlassen, der sich, sowie ich innehalte und staune, auch unauslöschlich in mein Dasein prägt, es aufs Neue bereichernd.

Warum legt also die Schöpfung so ein kraftvolles Zeugnis für Gott ab? Ich glaube, sie tut es auch darum, weil sie in sich so schön ist, so vielfältig, so reich – aber genauso auch furchteinflössend, unzähmbar für uns Menschen. Sie erstaunt, fasziniert, bewegt uns, weil das, was wir so stark wahrnehmen, in ihr selbst liegt. Es bedarf keines Lehrers von aussen, der uns erklärt, dass sie schön oder belebend oder ehrfurchtgebietend ist. Und genau darin liegt ihr grösstes Zeugnis für Gott. Darin zeigt sie uns Seinen Charakter. Denn das ist es doch, was Ihn auszeichnet: Alles, was Er ist, das ist Er in sich selbst, aus Seinem Wesen heraus. Er bedarf keiner weiteren Erklärungen oder Bestimmungen. Er ist herrlich, weil Er es ist. Weil Er Gott ist. Und ebenso hat Er eine Welt erschaffen, die herrlich ist, weil sie es ist.

Wenn wir diese Schönheit in der Natur wahrnehmen und sie auf uns wirken lassen, sie geniessen, können wir dadurch Erkenntnis erlangen über den Herrn, Der sie gemacht hat. Wir müssen nicht mehr fragen: Was bedeutet das? Sondern in Dem, was Er erschaffen hat, begegnen wir Seinem Wesen persönlich, und es wäre sinnlos zu leugnen, was sich in einem solchen Moment unserem Verständnis eröffnet.

Wäre es nicht wundervoll, wenn wir lernten, uns Seiner geschriebenen Offenbarung auf ähnliche Weise zu nähern?
Die Bibel ist so viel schöner, reicher und tiefer, aber auch so viel ernsthafter als alles, was wir je lesen könnten. Doch so oft sind wir ungeduldig, warten nicht, bis sich diese Kraft vor uns entfaltet. Wir wollen immer sofort wissen, „was das jetzt bedeutet“, was wir lesen und wie wir es umsetzen können. Ja, die Bibel ist uns gegeben, damit wir zu verstehen lernen, was wir verstehen müssen. Doch warum begeben wir uns nicht mit derselben Haltung in die Lektüre, wie wir einen Waldspaziergang machen oder mit einem Teleskop das Sternenmeer erkunden? Damit degradieren wir die Schrift nicht, sondern sprechen ihr wahre Würde zu: nämlich wenn wir anerkennen, dass sie voll und ganz von Gott gegeben ist und einfach darum einen unglaublichen Reichtum birgt, weil sie Seine Gabe ist. Es lohnt sich, die Bibel zu lesen, um einfach nur zu entdecken, wahrzunehmen, wie sie gemacht ist und was sie sagt und über sie zu staunen; ich glaube, dass wir darin dem lebendigen Gott begegnen werden, Der sie für uns gebildet hat. Wir werden mehr von Ihm erkennen und verstehen – nicht mit dem Kopf, weil wir darüber nachgedacht haben, sondern mit unserem ganzen Dasein, weil Er es bis ins Innerste berührt hat.

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