Loben im Jetzt

Immer wieder kommt es in Gemeinden zu Streitigkeiten, was den Lobpreis betrifft: Manche haben keinen Bezug mehr zu traditionellen Kirchenliedern, andere stören sich daran, dass Rhythmus und Arrangement der neuen Lieder so stark an weltlichen Trends orientiert sind. Gegner des zeitgenössischen „Worship“ halten ihn für zu banal, jüngere christliche Musiker setzen sich dafür ein, dass die Kirche musikalische Vielfalt fördert. Auch ich bin immer wieder versucht, Rezepte verschreiben zu wollen – mehr von dem, weniger von dem, und dann kommt es gut. Aber dann wäre ich in Gefahr, „kaputtzureden“, was anderen Menschen kostbar geworden ist. Wie könnte ich das verantworten? Stattdessen möchte ich teilen, was mir im Laufe der Zeit immer wichtiger geworden ist. Ich beziehe mich in erster Linie auf Liedtexte, wenn ich die Frage aufwerfe:

Sind die Lobpreislieder einer Generation in einer gewissen Weise ihre Visitenkarte?

Jene, die wir in unserer Gemeinde gegenwärtig singen, erscheinen zumindest teilweise als ausdrucksstarke Zeugen ihrer zeitlich-gesellschaftlichen Umgebung.
Daran ist nichts Schlechtes. Im Gegenteil: Dass Gott uns authentische, prophetische Lieder schenkt, die die relevanten geistlichen Fragen unserer Zeit beantworten und so die Menschen berühren – ist das nicht ein Zeichen Seiner Gnade? Er ist der Gott aller Menschen, durch alle Zeitalter hindurch, und Er will, dass alle Seine Botschaft in ihr Herz aufnehmen und gerettet werden. Darum hat Er ja auch beständig Propheten gesandt, die sich zur Verkündigung Seiner Wahrheiten der (Bild)sprache ihrer Zeitgenossen bedienten.

Bei dem, was momentan unsere Gesellschaft prägt – moralisch, politisch, spirituell und kulturell – zeichnet sich eine allmähliche Erosion all dessen ab, worin in den Jahrhunderten zuvor Sicherheit und Halt gesehen wurden. Es gibt plötzlich nicht mehr nur eine Realität, sondern viele verschiedene „Wahrheiten“, die nebeneinander stehen. Wie soll man da handeln? Und dabei kann der moderne Mensch schon förmlich hören (vielleicht in Form von Pushnachrichten-„Plopps“), wie die Probleme einer globalisierten Welt an seine Haustür klopfen. Diese Entwicklung führt zu einem umso stärkeren Bedürfnis nach Orientierung: Wo ist der Fels in der Brandung?

Uns Gläubigen ist es Jesus, und unsere Statements lauten: „You never fail“, „Your Love remains“, „You hold me“ – in variierter Form finden sie sich in vielen der modernen Lobpreislieder. Wir singen von einem Gott, Der uns Halt verleiht; Dessen Liebe durch alle Stürme hindurch beständig ist. Auf verschiedene Arten bringen wir zum Ausdruck, dass Er verlässlich und treu ist und dass Er für uns kämpfen wird. Und schliesslich wirkt es dem Leistungsdruck entgegen, der auf uns jungen Menschen lastet, wenn unsere Lieder Gnade verkünden, die immer bleibt.

Ich schätze den Trost und die Hoffnung, die wir den Menschen unserer Generation zusingen. Ich finde es richtig, dass wir die Güte und Gnade des Evangeliums verkünden in einer Zeit, die von Unsicherheit geprägt ist. Aber ich glaube, dass unsere Gesellschaft auch etwas Anderes braucht, gerade wir, die wir jung sind, gebildet, Kinder der Mittelschicht und damit einer Generation, die mehr als alles für Sorglosigkeit gekämpft hat.
Ich möchte in die Anbetung kommen als ein Kind Gottes, dem viel vergeben wurde und das sich auf das Kreuz allein stützt. Aber ich möchte auch in die Anbetung kommen als ein „Kind meiner Zeit“, das sich der vielen Götzen des einundzwanzigsten Jahrhunderts bewusst ist und vor Gott bekennt, diese abgelegt zu haben. Inmitten all der Technologien, Werbekonzepte und kommerziellen Angebote, bei denen das Ich mit seinen Bedürfnissen im Mittelpunkt steht, möchte ich ein Zeichen setzen: Gott ist der Herr, und Seine Ehre steht über allem.
Ich möchte demütig kommen, weil ich ohne Gott nichts bin und weil ich Seine Liebe mehr als alles brauche – aber meine Demut soll auch darin bestehen, dass ich für eine gefallene Welt eintrete und Gott mir einen Auftrag für sie gibt, den ich nur mit Seiner Hilfe erfüllen kann.
Kurz gesagt: Ich möchte mit meinem Gesang unterstreichen und bejahen, dass die christliche Botschaft auch heute noch relevant ist. Dass sie es für mich persönlich ist, aber auch für alles, was über meine Persönlichkeit hinausgeht.

Wo sind die Lieder, in denen wir Solidarität mit verfolgten Geschwistern zum Ausdruck bringen können? Musik ist so kraftvoll und kann Menschen tief berühren. Warum nutzen wir diesen Kanal nicht, um Busse zu tun für unsere Konsumwut, diese moderne Spielart der Habgier? Wir sind überfordert, wenn wir daran denken, dass wir als junge Menschen mit sich zuspitzenden Krisen konfrontiert sind: wachsende soziale Ungleichheit, Terrorismus, Privatsphärenverlust durch digitale Riesenunternehmen. Warum nennen wir diese Dinge nicht beim Namen, wenn wir als Gemeinde zu Gott singen? Manchmal scheint es mir, als singe man absichtlich Texte, die eher unkonkret gehalten sind, damit jeder Gläubige beim Singen an seine persönliche Situation denken und darin getröstet werden kann. Die Glaubensstärkung des Individuums ist das Ziel. Ich finde es richtig, dass Wert darauf gelegt wird, denn schliesslich spricht Gott ja zu jedem einzelnen Menschen persönlich. Ich sehe es auch als wesentlichen Bestandteil unserer Mission, Christus dem Herzen des Einzelnen nahe zu bringen. Aber auch wenn wir individuell sind, wollen wir keine Individualisten sein.

Für meine Generation wünsche ich mir das Feingefühl, die Fragen unserer Zeit einzufangen, auch die unausgesprochenen, und sie zu Gebeten zu machen. Der Kreativität meiner Altersgenossen traue ich es zu, authentische Musik dazu zu komponieren. Ich wünsche mir, dass das Bewusstsein unserer gesellschaftlichen Verantwortung sich dahingehend in unseren Liedern spiegelt, dass wir Jesus als den Herrn auch des einundzwanzigsten Jahrhunderts, mit all seinen Herausforderungen, bekennen. So können wir zum Ausdruck bringen, dass Gott auch heute noch der zu Lobende ist, der gute Vater und der herrliche König. Dass wir auch heute noch Grund haben zu danken, denn Er wirkt. In unserer Mitte, in unserer Zeit.

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