Zu gesetzlich?

FRAGILITÀ. Wissen ist Macht, sagen manche. Ach! Je mehr ich weiss, desto ohnmächtiger fühle ich mich. Wie sehr wünsche ich mir, rechtschaffen zu leben! Das Gute will ich tun und vom Bösen weichen, doch es ist, als wollte ich ein sauberes Gewand anziehen: Je länger ich es betrachte, desto mehr Flecken und Falten scheint es zu bekommen. Ich suche nach einem anderen Kleid, doch mit diesem verhält es sich gleich, und so auch mit allen anderen, die ich in Betracht ziehe. Am Ende halte ich lieber die Schande der Nacktheit aus als die Angst, in Lumpen dazustehen.
RISPOSTA. Und so bereust du, überhaupt hingeschaut zu haben? Hättest du es nicht so genau wissen wollen vor dem Spiegel, hättest du Frieden gehabt mit dem beinahe-weissen Kleid und mit deinem Gewissen.
FRAGILITÀ. „Prüft euch selbst, ob ihr im Glauben seid; stellt euch selbst auf die Probe!“1 Wie könnte ich bereuen, diesem Gebot gefolgt zu sein?
[EVANGELIKAL erscheint, blickt in die Runde, greift kurzerhand nach einem Stuhl und versucht, sich zwischen BIBELTREUE und RISPOSTA zu setzen. Erstere rückt nicht zur Seite.]
EVANGELIKAL. Für mich klingt es so, als hätte FRAGILITÀ Angst davor, Fehler zu machen. Vielleicht aufgrund schwieriger Erlebnisse in der Kindheit oder wegen des Drucks in unserer Leistungsgesellschaft…
[BIBELTREUE ringt die Hände, vermeidet es, in die Richtung von EVANGELIKAL zu sehen]
…aber ich denke, das Problem ist Gesetzlichkeit. Du leidest in deiner Blösse, weil du die Unmöglichkeit erkannt hast, dich mit einem wahrlich gerechten Lebenswandel zu bekleiden. Dabei wissen wir doch, dass durch das Einhalten des Gesetzes niemand gerecht wird, sondern man muss „Christus angezogen“ 2 haben, um…
BIBELTREUE [vergräbt schnaubend das Gesicht in den Händen]. Du schaffst es immer wieder!
Es geht nicht um die Rechtfertigung hier. Wir gehen von einer Person aus, die «in Christus hinein getauft» ist und somit «Christus angezogen»3 hat. Das liegt alledem, worüber wir bis jetzt nachgedacht haben, zugrunde. Und nun diskutieren wir darüber:

„dass ihr, was den früheren Wandel betrifft, den alten Menschen abgelegt habt, der sich wegen der betrügerischen Begierden verderbte, dagegen erneuert werdet im Geist eurer Gesinnung und den neuen Menschen angezogen habt, der Gott entsprechend geschaffen ist in wahrhafter Gerechtigkeit und Heiligkeit.“ 4


Was bedeutet es, so zu leben – in „wahrhafter Gerechtigkeit und Heiligkeit“? Ich ertrage es nicht, wenn jegliche Problematisierungen christlichen Lebenswandels mit dem Vorwurf der Gesetzlichkeit abgetan werden!
RISPOSTA. Das ist verständlich, aber bitte lassen Sie uns Ruhe bewahren. Die von EVANGELIKAL angesprochene Unfähigkeit des Menschen, sich durch gute Werke selbst zu retten, hat durchaus praktische Auswirkungen: Es ist in manchen Fragen nicht möglich, Sünde zu vermeiden. Einen perfekten Weg gibt es nicht immer –
FRAGILITÀ. Weil die Welt eben doch zu komplex ist!
RISPOSTA. Weil gewisse Fragen unserem subjektiven Ermessen unterliegen (Römer 14) und wir zu unterschiedlichen Schlüssen kommen; weil Menschen als gefallene Geschöpfe immer sowohl gute als auch schlechte Eigenschaften in sich tragen und dies Situationen hervorbringt, die nicht eindeutig zu beurteilen sind; weil wir vielleicht zu einem bestimmten Zeitpunkt aufgrund der Schwachheit unseres Fleisches schlicht nicht fähig sind, den richtigen Weg zu erkennen.
EVANGELIKAL. Genau. Wir sollten deswegen auf die Gnade vertrauen, die es uns erlaubt, Fehler zu machen.
BIBELTREUE. ‘Die es uns erlaubt, Fehler zu machen.’ – Falsch: Die Gnade erlaubt Fehler nicht, sondern sie vergibt sie.
RISPOSTA. Unsere bisherigen Gedanken unterlagen, glaube ich zu erkennen, einem Irrtum. Wo hört der Fehler auf, wo beginnt die Sünde? Ein Mensch kann das Gebot nach bestem Gewissen auslegen und dabei dennoch falsch liegen. Aber wehe dem, der sich dem Geber der Gebote stur widersetzt!
FRAGILITÀ. Was, wenn ein Konflikt zwischen zwei Geboten auftritt? Was, wenn Handeln und Nichthandeln gleichermassen Sünde bedeuten? Darf man wissentlich eine unethische Handlung begehen oder unterstützen, wenn man dabei ein ethisches Ziel im Blick hat?
BIBELTREUE. Gibt es solche Situationen überhaupt oder ist die Annahme, dass das vollkommene Gesetz (Psalm 19:8) sich selbst widersprechen könnte, Ausdruck eines ungefestigten Glaubens? Wird Er, Der die Gebote gibt, uns nicht in jeder Situation helfen, das Richtige zu tun?

(1) 2. Kor 13;5.
(2) Gal 3;27.
(3) ebd.
(4) Eph 4;22-24.
Übersetzung: Schlachter 2000

Photo by Nicolas Thomas on Unsplash.

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